Ubar

das »Atlantis der Wüste«

das kleine Fort von Ubar in der Rub al-Khali des Oman
Blick über die Ausgrabungsstätte Ubar im Oman

Kurz nach Thumrait zweigt die alte Straße nach Shishr und Ubar ab. Es ist eine ruppige Schotterpiste. Seit einigen Jahren ist das Oasendorf Shishr jedoch auch über eine weiter nördlich verlaufende Asphaltstraße erschlossen. Damit lässt unser Konvoi die Schotterpiste links liegen und haben wir nochmals 90 gemütliche Kilometer vor uns. Ist es nicht erstaunlich, was eine Ausgrabungsstätte alles bewirken kann? Das meint man zumindest. Hier jedoch sind es die Al Najd Agriculture Development-Farmen, welche den Straßenausbau ausgelöst hatten.

Es ist schon ein seltsames Gefühl. Obwohl wir mit jedem Kilometer weiter in die Wüste vordringen, sind wir plötzlich von grünen Feldern umgeben. Riesige Sprinkleranlagen bewässern die kreisrunden Felder der Geröllwüste, wo neben Gemüse auch Futtergras für die Kamele angebaut wird. Gespeist wird das hier geförderte Grundwasser unter anderem aus dem 115 Kilometer entfernten Wadi Ayun, den wir wenige Tage zuvor besucht hatten.

in der Ausgrabungsstätte Ubar im Oman
in der Ausgrabungsstätte Ubar im Oman

Heute aber steht die Kultur im Vordergrund. Denn am Ortseingang des knapp 30 Häuser großen Dorfes Shishr befindet sich die Ausgrabungsstätte Ubar. Verglichen mit Al Baleed bei Salalah und Samharam bei Taqah ist das Gelände winzig. Doch es gibt ein kleines hübsches Informationszentrum. Vor dem Rundgang wird uns ein kurzweiliger Film über die Geschichte Ubars gezeigt. Denn die Mythen über Ubar sind uralt.

In den Märchen von 1001 Nacht, im Koran sowie auch zahlreichen historischen Erzählungen taucht immer wieder eine sagenhafte Stadt mit unermesslichem Reichtum auf. Hochmut, sündiger Lebenswandel und Vielgötterei des Volkes Ad schwor jedoch den Zorn Gottes herauf. Mit mahnenden Worten versuchte der Prophet Hud, die Menschen wieder auf den Weg der Rechtschaffenheit zu führen – und stieß nur auf taube Ohren. Die göttliche Strafe folgte auf den Fuß: die gesamte Stadt wurde mit einem Schlag vom Erdboden verschluckt.

Palmen in Ubar im Oman
Palmen in Ubar im Oman
das kleine Fort von Ubar im Oman

Namen wie die »Versunkene Stadt des Sandes« oder das »Atlantis der Wüste«, wie der Entdeckungsreisende Lawrence von Arabien sie nannte, lockten später immer wieder Archäologen in die Rub al-Khali. Entdeckt wurden die Ruinen allerdings erst durch modernste Technik, als die Raumfähre Challenger Satellitenaufnahmen von der Region Dhofar zur Erde schickte. Die Bilder lösten eine neue Transarabia Expedition aus. Mit Erfolg: diesmal legten die Archäologen die Reste einer Wehranlage frei.

Endlich wurde der Mythos über die Stadt von der Wissenschaft bestätigt. Denn vor ihnen breitete sich ein 12 Meter tiefer Krater aus. Dieser entstand etwa 200 bis 300 n. Chr., als eine der hier typischen Kalksteinhöhlen infolge der Wassererosion oder durch ein Erdbeben einstürzte. Oberhalb der Höhle befand sich damals eine umfriedete Wehranlage. Mit dem Einsturz könnte sich demnach tatsächlich das in den Sagen beschriebene Szenario abgespielt haben.

die Höhle von Ubar, dem »Atlantis der Wüste« im Oman
in der Ausgrabungsstätte Ubar im Oman

Ob es sich tatsächlich um die im Koran erwähnte versunkene Stadt Ubar handelt, lässt sich freilich nicht zweifelsfrei beweisen. Sicher ist jedoch, dass bei Ubar Tausende von Karawanen rasteten und Wasser fassen mussten, als sie damals ihre Waren durch die große Wüste transportierten. Der wahre Reichtum Ubars beruhte nämlich auf eine unerschöpfliche Süßwasserquelle.

Anstelle von riesigen Goldbeständen schützte die Festung lediglich wertvolle Zisternen. So hat das Wort »Reichtum« den Blick der Forscher getrübt. Denn mitten in der Wüste sind nicht prunkvolle Luxusgüter, sondern die Süßwasserquellen von unermesslichem Wert.

in der Ausgrabungsstätte Ubar im Oman
das Fort von Ubar, dem »Atlantis der Wüste« des Oman

Dementsprechend klein bleibt die Ausgrabungsstätte, um die ein Spazierweg führt. Von einem kleinen Fort aus eröffnet sich uns ein etwas erhöhter Blick über die gesamte Anlage. Vom tiefer liegenden Fußweg aus können wir in die Höhle hineinschauen. Wegen der Einsturzgefahr ist der betonierte Zugang allerdings versperrt.

Einige Hinweistafeln beschreiben die Grabungsfunde, wie Keramik aus Rom oder China und Steintafeln semitischer Hochkulturen. Der spektakulärste, hier gemachte Fund jedoch sind etwa eintausend Jahre alte Schachfiguren aus Speckstein. Es sind die einzigen, die bis dato in Südarabien gefunden wurden.

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