traditionell gekleidete Vietnamesen beim Tempel der Prinzessin Huyen Tran

Zitadelle der Kaiserstadt Hué

Rundgang durch die Tempelanlage und Paläste in der Festungsanlage mit Besuch der Verbotenen Stadt

Hué war zwischen 1802 und 1945 die Kaiserstadt der Nguyễn-Dynastie, der letzten großen Herrscherfamilie Vietnams. Bereits in den Anfangsjahren der Dynastie begann der Bau der Zitadelle. Früher war der Wohn- und Regierungsbereich dem Kaiser, seiner engsten Vertrauten und hohen Beamten vorbehalten. Heute können alle Teile des riesigen Tempel- und Palastanlage besichtigt werden. Daneben lohnt es sich, am Abend durch die Innenstadt des modernen Hué zu schlendern. 

Besuch der Zitadelle von Hué

Unser Zugang zur Zitadelle von Hué erfolgt über die Cửa-Ngăn-Brücke, welche den Festungsgraben zum Cửa-Ngăn-Tor überspannt. Unser erster Eindruck gleicht einer Geduldsprobe, denn die Brücke ist heute ein wichtiger Verkehrsweg im Zentrum Hués. Als Folge müssen wir uns irgendwie gegen einen nicht enden wollenden Strom an Motorrollern behaupten, ehe wir das Tor sicher durchqueren können.

Zum Glück muss der motorisierte Verkehr direkt nach dem Tor rechts abbiegen, während unser Weg geradeaus am Gebäude mit den »Heiligen Kanonen der Zitadelle von Hué« vorbeiführt. Gleich danach begegnen uns auf dem teilbegrünten Ngọ-Môn-Platz mehrere traditionell gekleidete Vietnamesen. Gerne lassen sie sich fotografieren – nur eine Mutter muss ihr Kind kurz erklären, wie das geht.

Ngọ-Môn, das kaiserliche Mittagstor

Über einen zweiten Graben und das im 19. Jahrhundert errichtete Mittagstor (Ngọ-Môn) gelangen wir in den inneren Festungsbereich. Weiter geradeaus führt die Brücke des zentralen Weges (Trung-Đạo-Brücke) über den Thái-Dịch-Teich.

Damals durfte nur der Kaiser diesen Weg über den Teich zum Thái-Hòa-Palast, also dem Palast der Höchsten Harmonie. Der Name war gut gewählt, denn in dem prächtigen Gebäude hielt der Kaiser wichtige Zeremonien und Audienzen ab.

Davor befindet sich der Zeremonienplatz, auch Hof der Großen Audienzen, auf dem sich die Beamte während der Audienz nach ihrem Rang geordnet aufstellten. Auch dieser Bereich wird heute von den Einheimischen gerne genutzt, um sich traditionell-festlich gekleidet fotografieren zu lassen.

Daneben lohnt sich ein Blick zu den geschwungenen Dächern. Die darauf zu sehenden Drachen stehen symbolisch für kaiserliche Macht, Würde und göttlichen Schutz. Mit etwas Glück entdeckt man einen Drachen mit fünf Krallen. Wie die Brücke des zentralen Wegs war er dem Kaiser vorbehalten.

Ahnentempel der Nguyễn-Dynastie

Nach dem Rundgang durch den Thái-Hòa-Palast kehren wir über die Brücke des zentralen Wegs zurück zum Mittagstor, wo wir rechts abbiegen. Wir kommen somit entlang der inneren Festungsmauer zum Ahnentempel der Nguyễn-Dynastie, Thế Miếu. Der Zugang erfolgt durch das leider stark verwitterte Miếu Môn, also das Tempeltor im Südwesten der Zitadelle.

Sobald wir dieses durchschritten haben, kommen wir zum Hiển-Lâm-Pavillon. Vor Ort lesen wir, dass dieser 1821–1824 unter Kaiser Minh Mạng als eines der höchsten Gebäude der Kaiserlichen Stadt entstand. Die drei Ebenen des Pavillons stehen für die Erde, den Menschen und den Himmel. Damals galt der Kaiser als Vermittler zwischen diesen drei Elementen und den göttlichen Wesen.

Eindrücke vom Miếu-Môn-Tor, dem Hien-Lam-Pavilion und dem Ahnentempel

Im Dekor des Hiển-Lâm-Pavillons sind übrigens Fledermäuse als wiederkehrendes Motiv abgebildet. Für die Vietnamesen sind die geflügelten Säugetiere ein Symbol des Glücks. Deutlich auffallender sind die Bronzegefäße zwischen dem Pavillon und dem Ahnentempel (Thế-Tổ-Miếu-Tempel). Es handelt sich dabei um die Neun Dynastieurnen, wobei einzelne Urne rund 2,5 Tonnen wiegt.

Bei ihrer Entstehung (1835–1837) waren die Dreifußgefäße zunächst ein Zeichen der legitimen, geeinten Herrschaft. Später wurden sieben der Urnen konkreten Kaisern zugeördnet, wobei allerdings nie eine exakte Zählung der Kaiser beabsichtigt war. Vielmehr stehen die Urnen für die Dauer und Einheit der Dynastie. Für uns Mitteleuropäer sind sie außerdem der Beweis, dass fremde Kulturen nicht auf Anhieb verstehen lassen.

Residenz der Kaisermütter

Als Nächstes kommen wir nördlich des Ahnentempels zur ehemaligen Residenz der Kaisermütter (Phước Thọ Am). Sie schließt westlich an die Verbotene Stadt an, zählt aber noch zum Diên-Thọ-Palast. Dieser Teil der Zitadelle entstand um das Jahr 1830 unter Kaiser Min Mang. Innerhalb der Residenz befindet sich der Khương Ninh Các genannte Tempel. Er diente den Kaisermüttern und Großmüttern sowie auch den Witwen verstorbener Kaiser und hochrangigen Hofdamen als Raum für Gebete und religiöse Rituale. Bemerkenswert ist, dass in dem Tempel neben dem Buddhismus und vietnamesischen Volksglauben auch andere Religionen zugelassen waren.

Die zweistöckige Residenz zählt zu den wenigen ursprünglichen Gebäuden des Palastbezirks. Anders als weite Teile der Zitadelle überstand der Komplex die heftigen Bombardierungen während des Vietnamkriegs nahezu unbeschadet. Vor der Öffnung für Besucher musste dieser Bereich daher nur restauriert werden. Heute beherbergen die Innenräume Möbel aus der Kaiserzeit, einen Thronsessel sowie auch kostbare Spiegelgemälde. Uns zieht es jedoch bald zu einem im Teich stehenden Pavillon im Ostteil des Komplexes. Dort finden wir ein traditionelles Teehaus und Café, das wie eine kleine, schattige Oase inmitten der weitläufigen Festungsstadt wirkt.

Verbotene Purpurstadt von Hué

Von der Residenz der Kaisermütter trennen uns noch wenige Schritte von der Verbotenen Purpurstadt mit dem Điện Kiến Trung, dem unter Kaiser Khải Định errichteten Palast. Er ersetzte 1923 einen älteren Pavillon und lässt klar die französischen Einflüsse der Kolonialzeit erkennen. So kam beim Bau bereits Beton zum Einsatz, der dann aber mit Formen und Motiven der Renaissance reich verziert wurde.

Anders als die benachbarte Residenz wurde der Palast während des Vietnamkriegs schwer getroffen. In nur zwölf Tagen (12. bis 23. Februar 1968) hatte die US Air Force rund 80 bis 90 Prozent der Zitadelle zerstört. Nach dem Ende des Kriegs (30. April 1975) blieb der Palast jahrzehntelang eine Ruine. Erst 2019 begann man mit dem Wiederaufbau. 2024 konnte der Palast dann wieder eröffnet werden.

Abends in Hué

VG Wort