Tempel zu Ehren des Hindu-Gottes Shiva im Heiligtum von Mỹ Sơn

Heiligtum von Mỹ Sơn der Cham in Vietnam

Ausflug von Hội An zu den Tempelruinen aus dem 8. bis 10. Jahrhunderts

UNESCO‑Heiligtum von Mỹ Sơn

Das Heiligtum von Mỹ Sơn ist eine antike Tempelstadt der Cham-Könige im Dschungel Zentralvietnams. Vom 4. bis zum 15. Jahrhundert prägte die Cham-Dynastie weite Teile des Landes kulturell und spirituell. 

Seit 1999 zählt die gesamte Anlage zum Weltkulturerbe der UNESCO. Heute befindet sich das Heiligtum rund eine Stunde von Hội An entfernt, womit es sich bestens für einen Tagesausflug eignet.

Aussicht zum Katzenzahnberg (Hòn Quắp)

Nach der Ankunft in Mỹ Sơn führt uns der Weg über die Mỹ-Sơn-Brücke und den Khe Thé, also dem Heiligen Bach, zur Station der Shuttle-Busse. Eigentlich sind wir ja gut zu Fuß. Da sich die Tempelstadt in einem wasserreichen und selbst im Februar schwülen Dschungel befindet, nehmen wir aber gerne Platz. Die Fahrt führt durch dichte Wälder, ehe wir nach anderthalb Kilometern beim Restaurant und den Souvenirläden aussteigen. 

Wir laufen weiter dem Heiligen Bach entgegen bis zum Lotusteich. Ein niedriger Steg führt in einem Bogen über das braune Wasser. Es ist ein weiterer Hinweis auf die häufigen Niederschläge in dieser Region. Die Sicht reicht über den kleinen Tümpel und die weiteren Staubecken hinweg bis zum Hòn Quắp, dem Katzenzahnberg.

Insgesamt sehen wir uns einer malerischen Kulisse gegenüber. Tatsächlich bedeutet der Name der Tempelstadt Mỹ Sơn wörtlich übersetzt »Schöner Berg«. Der auch als Mahaparvata – Großer Berg – bekannte Berg war den Cham heilig. In ihrer Glaubenslehre symbolisierte die markante Spitze des Bergs die Residenz des Hindu-Gottes Shiva.

Tempelberg mit der Silhouette eines Vogels

Ein dritter Name des Bergs lautet Hòn Đền, was einfach Tempelberg bedeutet. Aus einem bestimmten Winkel betrachtet, soll seine Silhouette an die ausgebreiteten Schwingen von Garuda erinnern. Garuda war in der Mythologie der Cham der König der Vögel und das Reittier des Gottes Vishnu.

Daneben hatte der Berg einen ganz praktischen Nutzen: Da das Gelände auch während der Entstehung der Tempelstadt von dichtem Dschungel bedeckt war, richteten die Baumeister der Cham die Tempelachsen vorrangig nach dem Gipfel aus. Für sie war der Berg also eine wichtige Landmarke.  

Cham-Tempel der Gruppen B bis D

Nach dem Lotusteich kommen wir zu den ersten Ruinen der Tempelstadt. Es handelt sich dabei um die im 12. und 13. Jahrhundert errichteten Tempel der Gruppe H. Leider wurde dieser Bereich während des Vietnamkriegs durch die Luftangriffe der US Air Force besonders stark getroffen. Bis auf ein einzelnes, steil aufragendes Wandfragment ist vor Ort kaum etwas zu erkennen, sodass sich der Aufenthalt kaum lohnt.

So laufen wir bald weiter, und nutzen den Weg zwischen den Gebäuden des Besucherzentrums hindurch, sodass wir als Nächstes zu den Gruppen B-C-D von Mỹ Sơn kommen. Zusammen bilden sie das größte zusammenhängende Ensemble des Heiligtums, wobei der Zugang heute über die Ruinen der im 8. bis 10. Jahrhundert entstandenen Tempelgruppe C erfolgt. Es ist der Bereich, an dem wir selbst die meiste Zeit verbringen.

Kalan – der Haupttempel der Gruppe C

Eines der auffallendsten Bauwerke dort ist der Kalan, also der Hauptturm der Gruppe C.  Sein satteldachartiges Reffdach weist darauf hin, dass sich in dem Turm einst eine Vorratskammer für Opfergaben befand. Etwas abgesetzt davon befindet sich die Gopura, ein Torgeschoss, das damals als prächtiger Zugang zur Tempelgruppe diente.

Zusammen mit der benachbarten Mandapa waren die Tempel der Gruppe C dem Hindugott Shiva gewidmet. Trotz der Zerstörungen im 20. Jahrhundert lässt sich hier die für die Cham typische Bauweise mit Ziegeln ohne sichtbaren Mörtel noch gut nachvollziehen.

Mandapa, die Versammlungshalle der Pilger

Südlich und östlich an C grenzen die Gruppen B und D an. Zu den besterhaltenen Gebäuden zählt dort die Mandapa, die als Versammlungshalle der Pilger und Priester sowie zur Aufbewahrung von Opfergaben diente. Dass sie mit einem zweiten Bauwerk zur Gruppe D gezählt wird, beruht auf einer archäologischen Fehleinschätzung.

Als die Wissenschaftler der Französischen Schule des Fernen Ostens die Tempel im frühen 20. Jahrhundert untersuchten, hielten sie die beiden länglichen Gebäude für eine eigene Tempelgruppe. Erst später erkannte man, dass es sich dabei um die Vorhallen der westlich angrenzenden Tempel handelte. Die Einstufung der beiden Hallen als D1 und D2 wurde beibehalten.

Schatzhaus der Tempelgruppe B

Ebenfalls zur Gruppe B gehört das Schatzhaus. Hier lagerten damals wertvolle Kronjuwelen, rituelle Goldschätze sowie auch kostbare Gewänder und Opfergefäße für die Zeremonien im Kalan der Gruppe B. Daneben war in dem Haus eine Küche eingerichtet, in der die Priester die Speisen für die Götter zubereiteten.

Anders als die Haupttempel ist das Schatzhaus nach Norden ausgerichtet, da es dem Gott Kubera geweiht ist. Kubera ist der hinduistische Gott des Reichtums und Hüter des Nordens. Die Priester hofften, mit seinem göttlichen Beistand die im Heiligtum gelagerten Schätze schützen zu können.

Offenbar wirken ihre Gebete bis heute. Denn tatsächlich hat das als B5 kartierte Bauwerk die Jahrhunderte weitgehend intakt überstanden, während die Luftangriffe den Hauptturm der Gruppe B in einen Trümmerhaufen verwandelten. Dadurch gilt das Schatzhaus als Musterbeispiel für ein Nebengebäude der Cham im 10. Jahrhundert.

Tempel der Gruppe A

Weiter südlich der Gruppen B-C-D befindet sich die kleinere, jedoch unzugängliche Gruppe L. Wir nehmen daher die Verbindung zur östlich benachbarten Tempelgruppe A. Bis ins 20. Jahrhundert hinein galt sie als das prächtigste und heiligste Gebäudeensemble des Mỹ Sơn-Heiligtums. So überragte der Kalan oder auch Haupttempel A1 mit 24 Metern Höhe alle anderen Bauten der Tempelstadt. Mit vier Scheintüren in die vier Haupthimmelsrichtungen war er zugleich ein Musterbeispiel für den Cham-Baustil.

Ohne den Vietnamkrieg könnten wir hier einen Tempel bestaunen, der denen in Angkor Wat ebenbürtig wäre. Immerhin stand der Haupttempel symbolisch für den heiligen Berg Meru – den Sitz der Götter. Doch bei den im August 1969 erfolgten Luftangriffen durch US-B-52-Bomber wurde das Areal der Gruppe A schwer getroffen, der Haupttempel durch eine einzelne Fliegerbombe dem Erdboden gleich gemacht. Im Umfeld der Ruinen erkennen wir einige Sprengkrater, über denen Gras gewachsen ist.

Durch die UNESCO geschützte Tempelruinen des Heiligtums Mỹ Sơn der Cham in Vietnam

Tempel der Gruppen E bis G

Von der Gruppe A führt uns der Weg zurück zum Hauptrundgang, wo wir rechts zum Zugang zur Gruppe G gelangen. Sie entstand im späten 12. Jahrhundert unter König Jaya Harivarman I. Alleinstellungsmerkmal dieser Tempel sind bereits in vorigen Jahrhunderten durchgeführte Restaurierungen. Zu erkennen sind diese an den Sockeln und Außenwänden, wo sich die neueren helleren Ziegel von den dunklen Originalziegeln abheben.

Nördlich der Gruppe G bilden die Tempelgruppen E und F eine Einheit. Von Bedeutung ist dort ein kreisförmiger Sockel, der den ältesten Sockeln im Tal von Mỹ Sơn ähnelt. Es wird angenommen, dass sich darauf früher ein zylindrischer Linga, also das Phallussymbol des Gottes Shiva, befand.

Auf dem Sockel hat eine Sanskrit-Inschrift die Zeit gut lesbar überdauert. Sie besagt: »Diese Hülle (kośa) wird Vikrāntavarman dargebracht, dem Linga, der vom berühmten König Vikrāntavarman, dem mächtigsten König der Könige, errichtet wurde. Diese Gabe wird für immer bestehen, so wie das Bestehen der Erde.«

Als weiteres Zeugnis der früheren Religion der Cham begegnen wir bei der Gruppe E einer Statue des Dvarapala, dem Torwächter des Tempels. Eine zweite Statue ist dem heiligen Stier Nandi gewidmet. Nandi ist ebenfalls ein Torwächter, aber auch das treue Reittier des Gottes Shiva und zugleich ein Symbol der Fruchtbarkeit.

Restaurierung in Mỹ Sơn

Zuletzt staunen wir über den aus unzähligen Ziegelsteinen errichteten, heute mit Stützen und einem Dach versehenen Haupttempel der Gruppe F. Was für uns wie ein wirrer Haufen Steine aussieht, der irgendwie zusammengehalten wird, ist ein Großprojekt. Nach Beginn der Arbeiten im Winter 2025/26 sollen diese Bauwerke mit Unterstützung des Archaeological Survey of India (ASI) restauriert werden. Ziel ist das Jahr 2029.

Für unsere Reise ist das leider zu spät, sodass wir die Gruppe bald wieder verlassen und auf demselben Weg zurück zum Shuttlebus kehren. Alternativ dazu wäre es auch möglich gewesen, den Rundweg weiter gegen den Uhrzeigersinn zu laufen. Wer das macht, kommt erst zur Tempelgruppe K, ehe es über den Khe Thé zurück zum Café und zur Shuttlebus-Station geht. Dort sind wir selbst hin- und hergerissen zwischen der Faszination einer uns zuvor unbekannten Kultur – und den bitteren Verlust dieser einst prächtigen Tempelanlage.

Karte mit Rundgang

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