Flaniermeile in der Altstadt von Hoa Lư (Ninh Binh)

Ninh Binh und Hoa Lư, die erste Hauptstadt Vietnams

Buddhistisches Zentrum und Ort des friedlichen Gleichgewichts

Ninh Binh ist der alte Name der Stadt Hoa Lư im Norden Vietnams. Die Umbenennung erfolgte im Jahr 2024, wobei Ninh Binh jedoch als Provinzname erhalten blieb. Touristisch ist die Region auch als trockene Halong-Bucht bekannt. Zu den bekanntesten Attraktionen in der Umgebung zählen der Hang Mua Aussichtspunkt mit der Drachenstatue oder eine Flussfahrt auf dem Tam Coc im Landschaftsgebiet Tràng An. Die Altstadt von Hoa Lư lohnt sich dann für einen abendlichen Besuch.

Anreise ab Halong nach Ninh Binh

Nach dem Besuch der Überraschungshöhle fahren wir mit dem Boot zurück zum Hafen von Halong-Stadt. Dort steht die nächste lange Busfahrt auf dem Programm. Diese verläuft zunächst entlang der Küste Vietnams bis Haiphong, dann auf der QL5B in Richtung Hanoi. Als wir Luftlinie keine 25 Kilometer mehr vom Zentrum Hanois entfernt sind, führt der Weg über die CT16 nach Süden über den Roten Fluss, dann über die DT491 und CT01 weiter in die Provinz Ninh Binh. Insgesamt liegen damit rund 220 Kilometer vor uns.

Ninh Xán bei Hải Phòng

Um etwa 12:30 Uhr erreichen wir das Ninh Xá, ein Dorf am rechten Ufer des Kinh-Thầy-Flusses nahe der Stadt Hải Phòng. Es ist Zeit für die Mittagspause – oder um sich die Füße zu vertreten. Wir entscheiden uns für Letzteres, denn immerhin blickt der Ort auf eine bedeutende Geschichte zurück.

Im Jahr 938 zog der König Ngô Quyền von hier aus los, um die Truppen der südlichen Han-Dynastie in der »Schlacht am Bạch Đằng-Fluss« zu schlagen. 340 Jahre nach ihm nutzte General Trần Hưng Đạo die Gegend im Kampf gegen die Mongolen. Heute erinnern Ortsnamen im Dorf wie »Bãi Dầm Thuyền« (Versteck für die Kriegsschiffe) oder »Vườn Vông« (Lager für Proviant) an die Geschehnisse von damals.

Bei unserem Rundgang durch den historischen Ortskern gelangen wir zur Tempelanlage Đình Ninh Xá. Dem farbenfrohen Anstrich nach könnte diese erst vor wenigen Jahren errichtet worden sein. Tatsächlich wurde die historische Halle im Jahr 1522 erstmals urkundlich genannt. Der Zugang erfolgt durch ein Tam-Quan-Tor, also einem traditionellen Eingangstor mit drei Durchgängen.

Vor Ort werden zwei bedeutende vietnamesische Herrscher als Schutzgötter (Thành hoàng) verehrt: Phùng Hưng (Bố Cái Đại Vương) und König Ngô Quyền. Direkt neben dem Tempel bildet die ebenfalls bereits im 16. Jahrhundert errichtete buddhistische Pagode einen Ort der Ruhe und Besinnung. Zudem bildet ein Lotusteich eine kleine Oase inmitten der Siedlung.

Đảo Khê Cốc – Freilichtmuseum in Ninh Bình

Besuch der Insel im Bachtal

Rund eine Stunde nach der Mittagspause führt uns die Fahrt erstmals durch Reisfelder, die schon Anfang Februar bestellt werden. Danach dauert es nochmals drei Stunden, bis wir das Freilichtmuseum mit dem für uns unaussprechlichen Namen »Đảo Khê Cốc in Ninh Bình« erreichen. Direkt beim Parkplatz bilden mehrere aus dem Boden ragende Bögen eines Lindwurms einen ersten Blickfang. Er steht in Zusammenhang mit uralten, in Stein gemeißelten Drachenmotiven, die in dieser Gegend entdeckt wurden. 

Das Museum selbst steht auf einer Insel. Dort vermitteln uns einige Nachbauten Einblicke in die Kultur und die Lebensweise der Ureinwohner Tràng Ans vor 30.000 Jahren. Neben reetgedeckten Bambushütten, Pfahlbauten und Werkzeugen zählen dazu auch lebensgroße Figuren, die typische Tätigkeiten wie Kochen, Fischen oder Getreide stampfen verrichten.

Ganz in der Nähe befand sich die Kulisse des 2017 erschienenen Films »Kong: Skull Island«. Die für den Film errichteten Hütten bildeten das »Aboriginal Village«, wurden im Herbst 2019 aber komplett abgebaut, weil man fürchtete, mit dem fiktiven Dorf einen falschen Eindruck von dem früheren Leben zu erwecken. Immerhin kommt im Film King Kong vor, der die Einwohner der Insel vor echsenartigen Monstern beschützt.

Das heutige Freilichtmuseum entstand in Zusammenarbeit der vietnamesischen Nationaluniversität Hanoi mit der Cambridge University und der Queen’s University Belfast.

Goldene Pagode – Chùa Vàng

Nach dem Besuch des Freilichtmuseums trennen uns nur wenige Minuten Fahrt von der Goldenen Pagode im Hồ Cá Voi bzw. Hồ Núi Lớ, dem Walsee oder auch Schildkrötensee bei Hoa Lư. Die erste Besonderheit des Tempels ist der Zugang: Da die Pagode auf einer 28 Hektar großen Insel mitten im See steht, müssen wir über eine schwimmende Brücke laufen. Diese besteht aus kleinen Kunststoffelementen, die als leicht wackliger Ponton über vier Ecken herum bis zur Eingangstreppe des Tempels führen.

Für eine zweite Besonderheit müssten wir in die Luft gehen. Das Hauptgebäude des Tempels ist ein Oktogon mit acht gleichlangen Seiten, die in alle Himmelsrichtungen zeigen. Damit folgt das 2018/19 errichtete Gebäude steht auf den Grundmauern der antiken Pagode Chùa Bát Long. Sie wurde im 10. Jahrhundert unter König Lê Đại Hành ebenfalls achteckig gebaut. Ihren heutigen Namen verdankt die Pagode dem Umstand, dass sie aus edlem, gelb-golden schimmernden Holz und Steinmaterialien gebaut ist.

Die Anzahl der acht gleichlangen Außenwände symbolisiert die acht Könige aus der Ära der zwölf Generalsdynastien. Um das zu verstehen, müssen wir uns die Geschichte Vietnams anschauen. Kurz nach seinem Sieg über die Chinesen und die Abwehr einer Fremdherrschaft verstarb der legendäre König Ngô Quyền im Jahr 944. Seinem Tod folgte ein erbitterter Kampf um den Thron. Zwölf Kommandanten und Adelsfamilien rissen die Macht an sich, teilten das Land unter sich auf, um sich anschließend gegenseitig zu bekriegen.

Von den zwölf Generälen gelang es acht, sich offiziell als König zu erklären. Die restlichen vier trugen lediglich militärische Titel. Die Kämpfe endeten im Jahr 968, als es Đinh Bộ Lĩnh gelang, die anderen Könige entweder zu besiegen oder durch Allianzen zu unterwerfen. Nach seinem Sieg krönte er sich selbst zum Kaiser und begründete die Đinh-Dynastie. Der ursprüngliche Name der Pagode, Bát Long Tự, lässt sich mit die Pagode der acht Drachen übersetzen. Der Drache war damals das Symbol für einen Herrscher oder König.

Altstadt von Hoa Lư (Ninh Binh)

ehemalige Hauptstadt Vietnams

Ab der Goldenen Pagode führt die Hauptverkehrsstraße durch das große Stadttor von Hoa Lư und am Elefanten-Denkmal vorbei in die Altstadt. Auf der Südseite eines Kanals reihen sich dort Restaurants und Garküchen, Souvenir- und Klamottengeschäfte aneinander. Der Zutritt erfolgt durch ein kleineres Tor mit der Aufschrift »Phố cổ Hoa Lư«, was sich mit Altstadt von Hoa Lư übersetzen lässt. Das in Klammern gesetzte Cổng 15 heißt schlicht Tor 15, es gibt also über ein Dutzend solcher Tore in der Altstadt. Besonders schön ist diese abends, wenn es allmählich dunkel wird und eine Fußgängerbrücke über den Kanal von bunten Lampions erhellt wird.

Sehr schön finden wir auch, dass sich die Vietnamesen gerne fotografieren lassen. So zeigt uns eine junge Frau stolz ihre dunklen Haare, die ihr bis über den Rock reichen. Auch eine traditionell gekleidete Verkäuferin von kunstvoll gestalteten Lampions setzt sich für ein Foto gerne in Szene. Einzig ihr schönes, offenes Lächeln einzufangen, ist schwierig. Vielmehr achtet sie auf eine perfekte Haltung mit einer ebenso perfekten Mimik.

Zusammen mit den Lampions und Lichterketten der Restaurants und Boutiquen erhält dieser Bereich der Altstadt ein Flair, das zum Bummeln und Verweilen einlädt. So gönnen auch wir uns zwei Bánh Xèo. Das sind gelbe, knusprige Pfannkuchen aus Reismehl und Tofu oder Kurkuma, die wahlweise mit Schweinefleisch, Garnelen oder auch einfach mit Gemüse gefüllt werden.

Daneben gibt es Frühlings- und Sommerrollen (Nem Rán bzw. Gỏi Cuốn), verschiedene Nudelsuppen sowie auch das Nationalgericht Phở – eine kräftige Brühe mit Reisnudeln, Sternanis und Zimt mit Rindfleisch oder Hähnchen. Als Relikt der französischen Kolonialzeit werden knusprige Baguettes mit Pâté oder Mayonnaise bestrichen und mit Fleisch, oder eingelegtem Gemüse angeboten.

Eindrücke der touristischen Flaniermeile in der Altstadt Verkäuferin in der Altstadt von Hoa Lư (Ninh Binh)

Aussichtspunkt auf dem Gipfel des Einhorns

Am östlichen Ende des Seitenarms des Đáy steigt das Areal zum Gipfel des Einhorns (Đỉnh Kỳ Lân) an. Der Name der Erhebung leitet sich von der Form der Kalksteininsel ab, die einem auf der Seite liegenden Einhorn ähnelt. Zusammen mit dem Drachen, der Schildkröte und dem Phönix gehört es zu den vier heiligen Tieren in der Mythologie Vietnams. Es soll einen schuppigen Körper ähnlich einem Drachen haben, aber die Gestalt eines Löwen oder Hirschs besitzen. In Vietnam gilt das Einhorn als Vorbote von Glück, Wohlstand und Weisheit. Leider zeigt es sich nur in Zeiten des Friedens und wenn ein gerechter Herrscher an der Macht ist.

Silberne Pagode

Am Fuß des Hügels gelangen wir zur Silbernen Pagode. Der Standort ihrer beiden hoch aufragenden Türme ist gut gewählt. Denn das Einhorn soll Tempel und Pagoden sowie auch Paläste und Wohnhäuser vor bösen Geistern schützen – in Hoa Lư gilt daher der gesamte Hügel als symbolischer Wächter der Stadt.

Der abends hell beleuchtete Turm erinnert die Menschen an die Pflichten und Tugenden im Buddhismus und regt zur Dankbarkeit für die Werte selbst alltäglicher Dinge an. Dementsprechend groß ist die Spendenbereitschaft der Gläubigen. Von der auf der Kalkfelseninsel stehenden Pagode des Westens – ihr Name bezieht sich auf das Reine Land des Buddha Amitabha – führt eine Brücke hinüber zum frei im Wasser stehenden Turm der vier Wohltaten.

One Day coffee and homestay – ein Bauhaus-Café in Vietnam

Zurück bei den Restaurants suchen wir nach einem Café, das richtige Tasse anbietet. Tatsächlich werden wir erst fündig, als wir die vorderste Reihe am Wasser verlassen und uns in der Parallelstraße umschauen. Dort überrascht das One Day coffee and homestay mit seiner Aufmachung.

Geschwungene Bänke, runde Tische und Acrylstühle erinnern an den frühen Bauhaus-Stil. Wenig später wissen wir warum: An einer der Wände erkennen wir das berühmte Bauhaus Sütterlin Poster. Zusammen mit der traditionellen Neujahrsdekoration mit Pfirsichzweigen finden wir somit einen schönen Ort, um den Abend in Hoa Lư ausklingen zu lassen.

Stadtplan


Höhenprofil

VG Wort