Castelnaudary | Ziel der Hausboottour

Die Fahrt nach Castelnaudary ist für uns die letzte Etappe einer tollen Hausboottour auf dem Canal du Midi. Damit wollen wir den Tag nochmals mit einem ausgiebigen Frühstück auf dem Boot starten. Lars schwingt sich aufs Fahrrad und flitzt nach Villepinte. Mit frischem Baguette und leckerem Käsegebäck kommt er wieder zurück – prima! Bereits am Vorabend hatte sich gezeigt, dass wir mit unserer Einschätzung richtig lagen: Carcassonne hat offenbar das Gros der anderen Hausboote aufgehalten. Denn trotz unseres frühen Feierabends sind nur zwei, drei Boote an uns vorbeigefahren. Wir hatten also Ruhe und ruhig ist es immer noch – herrlich.

Das Ziel der Hausboottour ist in Sicht

Vom Hafen in Castelnaudary trennen uns noch zwölf Kilometer. Allerdings sind auf diesen neun Schleusen zu absolvieren. Zum Glück klappt das Schleusen heute wie am Schnürchen. Doch liegen die Schleusen teilweise so nah beieinander, dass es sich für mich kaum lohnt, jedes Mal wieder aufs Boot zu hüpfen, um kurz darauf wieder an Land zu springen.

Egal, etwas sportliche Betätigung tut ganz gut, zu der wir außerdem reichlich Zeit haben. Meist sind wir alleine in der Schleuse. Da auch kein Gegenverkehr kommt, kann ich zwischendurch sogar eine Flasche Wein in dem hübschen Laden einkaufen, während Lars das Boot festhält und sich mit dem Schleusenwärter unterhält.

Dreierschleuse von Vivier

In der Dreierschleuse von Vivier nimmt der Schleusenwärter das Wassersparen schließlich besonders ernst. Während wir nach oben geschleust werden, schleust er ein anderes Boot hinunter. In der mittleren Schleuse treffen wir uns, wobei wir zunächst in die oberste Kammer wechseln, eh das andere Boot unseren alten Platz einnimmt. So etwas gab es sonst nirgends. Entgegen unserer Erwartung kommen wir auch dadurch bereits kurz vor der Mittagspause bei der Viererschleuse unterhalb von Castelnaudary an. Es ist mal wieder Siesta und damit Gelegenheit für uns, die restliche Mockturtle von gestern aufzuteilen.

Bereits vor uns ist ein deutlich größeres Boot angekommen. Es ist mit Bug- und Heckstrahl ausgerüstet, sodass es sich über einen Joystick kinderleicht lenken lässt. Es nützt nur nichts, wenn der Bugstrahl streikt. Zu einer defekten Lenkung gesellt sich damit die fehlende Erfahrung im normalen Manövrieren.

So bittet uns die Crew, ihnen mit etwas Verzögerung in die Kammer zu folgen. Damit sie das Boot überhaupt in Richtung der Schleusen bekommen, helfen wir einer Frau, es vom Ufer wegzudrücken. Noch während wir das machen, überlegen wir beide, was wohl passiert, wenn wir uns zu spät vom Boot abstoßen… ?

Ankunft in Castelnaudary

Eigentlich ist es ja schade, dass die Tour bei Castelnaudary endet. Denn wir sind inzwischen gut geübte Schleuser. Trotzdem hat es die letzte Schleuse vor dem Ziel in sich, da die Durchgangstürchen hier anders als bei vorherigen 60 Schleusen gebaut sind. Als logische Folge handle ich mir die letzten blauen Flecken ein – wie soll es auch anders sein?

Dafür sitzt der Schleusenwärter hier gemütlich in einer Art Wachturm. Was für ein Job! Hier endet nun also unsere Bootstour. Wir überlegen, ob wir im Hafen übernachten sollen, oder ob wir hinter Castelnaudary nochmals ein lauschiges Plätzlein im Grünen suchen sollen? Doch wir legen erst einmal hier, bei der Station von Le Boat, an.

Abschluss der Goldenen Woche auf dem Canal du Midi

Castelnaudary ist für den Abschluss der Goldenen Woche auf dem Canal du Midi ein richtig schönes Ziel. Das Grand Bassin, ein riesiges Hafenbecken, bildet mit der wunderbaren Stadtkulisse ein einzigartiges Idyll. Eigentlich hatten wir so einen Hafen bei Carcassonne erwartet. Wir beschließen, im Hafen zu bleiben. Für unseren letzten Programmpunkt in Castelnaudary hieven wir ein letztes Mal die Fahrräder von Bord. Auf dem Weg in die Altstadt spüren wir auch am deutlichsten, was die Teile für ein Schrott sind. So fällt mir beim Einlegen des leichtesten Gangs die Kette herunter. Leicht ölverschmiert geht es zwar bald weiter, die steilen Straßen aber schieben wir die Räder nun lieber nach oben. Und auch wieder nach unten, da wir den Bremsen nicht trauen.

Bereits die Kelten und später auch die Römer siedelten auf dem Hügel, der aus dem Flachland des Lauragais herausragt. Doch das wichtigste Ereignis war die im Jahr 1211 geschlagene Schlacht von Castelnaudary. Simon de Montfort stand damals mit seinem Kreuzfahrerheer der zahlenmäßig überlegenen Allianz südfranzösischer Ritter gegenüber. Der Kampf ging unentschieden aus. Doch letztendlich war Montfort der Sieger, da sich die Ritter angesichts des für sie enttäuschenden Verlaufs der Schlacht gegenseitig in die Haare kriegten.

Spaziergang vom Binnenhafen zur Kirche Saint-Michel

Erst durch den Canal du Midi errang Castelnaudary mit seinem Binnenhafen überregionale Bedeutung. So können wir heute durch die gepflegten Gassen radeln und erreichen auf dem abgeflachten Gipfel die Kirche Saint-Michel mit ihrem auffälligen, 56 Meter hohen Kirchturm. Die Kirche ist ein imposantes Gebäude. Doch im Innern sorgt ein selbsternannter Tunichtgut für Unmut. Er hat Ansichtskarten vom Innenraum drucken lassen und will diese nun verkaufen. Deshalb untersagt er unangenehm aufdringlich allen Besuchern das Fotografieren. Ob er seine Karten verkaufen kann, indem er die Besucher vergrault? Fraglich, wir radeln wieder in den unteren Bereich von Castelnaudary und noch ein kurzes Stück am Canal du Midi entlang.

Nutria im Grand Bassin | Oder sind es doch Fischotter

Für eine kleine Überraschung sorgt am späten Nachmittag die kleine Insel nahe der Bootsstation. Andere Reisende berichten uns aufgeregt von einer Fischotter-Familie, die dort angeblich die Touristen anbettelt. Also nichts wie hin. Aber ob es da wirklich Fischotter gibt? Ich dachte immer, die bevorzugen klares und fischreiches Wasser. Und der Canal du Midi ist alles andere als klar. Oder, wie es mein Schlauberger-Landespfleger formuliert: »Das ist ausgeschlossen. Das werden Nutria sein.« Was soll ich da sagen?

Es sind tatsächlich Nutria, auch als Biberratte oder Sumpfbiber bekannt, die bei der Insel fröhlich durchs Wasser schwimmen und sich von uns füttern lassen. Dabei sehen die Jungen ja noch niedlich aus, wenn sie genüsslich die Brotstangen knabbern. Doch dann kommt die Mama – und das ist eine ganz schöne Riesenratte. Viele schimpfen die Tiere als hässlich – ich mag sie und hässlich ist anders. Allzu sehr sollte man sich über das Auftreten dieser nordamerikanischen Einwanderer aber auch nicht freuen, da sie heimische Arten verdrängen und mit ihren Höhlen zudem ein Problem für den Kanal darstellen.

Captain's dinner auf dem Oberdeck

Bis zum späten Nachmittag trudeln die doch recht vielen anderen Boote im Hafen ein. Ein paar der Crews kennen wir durch gemeinsames Schleusen. Die meisten aber sind die ganze Woche hinter uns her gefahren, sodass wir sie hier zum ersten Mal sehen. Die frühe Übernahme vom Boot ist also wirklich Gold wert! Am Abend gibt es Captain’s Dinner auf dem »Oberdeck«, was für uns bedeutet: Resteessen. Dieses ähnelt zwar einem Raclette ohne Käse, doch bei der Kulisse gehört es zu einem richtig schönen Abschluss mit – natürlich – der letzten Flasche Rotwein auf dem Canal du Midi.

Am Abend sehe ich auch die Zeit gekommen, Lars ein Geheimnis anzuvertrauen: die Goldene Woche auf dem Canal du Midi ist zwar durchaus für Anfänger möglich. Wegen der vielen Schleusen aber heißt es selbst auf der Seite von Le Boat, dass sich diese lange Strecke von Port Cassafières bis hoch nach Castelnaudary nicht wirklich für Anfänger eignet. Besser wäre es, zumindest etwas Erfahrung im Umgang mit dem Boot und den Seilen mitzubringen.

Interessiert nimmt mein Kapitän zur Kenntnis, wie ich meine Schilderung mit »aber ich denke, man darf Dir am Anfang nicht immer alles verraten« schließe. Wie wird er reagieren? Falle ich nun doch noch ins Wasser? Werde ich den Nutrias zum Fraß vorgeworfen? Langsam holt Lars tief Luft, lässt den Blick übers Hafenbecken schweifen und greift schließlich zu seinem Glas: »Ja.« Entspannt stoße ich mit ihm auf das bestandene und sehr schöne Abenteuer an.

Nutria bei Castelnaudary | Canal du Midi

Nutria bzw. Biberratten im Hafen von Castelnaudary. Die possierlichen Einwanderer aus Nordamerika lassen sich von den Menschen füttern, sind aber ein Problem für die Dämme und heimische Fauna.

Rückgabe des Boots

Obwohl wir im Hafen von Castelnaudary von anderen Booten umringt sind, bleibt es angenehm ruhig. So verbringen wir eine letzte erholsame Nacht auf unserer Capri, eh es am nächsten Morgen ans Packen und Putzen geht. Wobei unser kleines Boot wirklich im Nu besenrein ist und von den Leuten von Le Boat auch nicht sonderlich überprüft wird. Hier sind die Mitarbeiter offenbar dazu angehalten, einen möglichst guten letzten Eindruck zu hinterlassen. Sie sind nett und flink. Dazu gehört bei uns auch eine nette Überraschung bei der Abrechnung der Betriebskosten.

Betriebsstunden und Transfer des Autos

Da Lars dazu übergegangen war, den Motor innerhalb der Schleusen abzuschalten und wir ohnehin recht schnell durch die Schleusen hindurch gekommen sind, haben wir nur 29 Betriebsstunden benötigt. Mit anderen Worten: uns werden elf Stunden erstattet. Damit sind die Zusatzkosten für die vorgezogene Übernahme in Port Cassafières bis auf läppische zehn Euro wieder drin. Auch der Transfer von unserem Auto hat geklappt. Lars holt es vom nahe und etwas versteckt gelegenen Parkplatz. So können wir schon bald unsere Capri ausräumen und uns langsam vom Canal du Midi verabschieden. Schön war es.

Weiter mit dem Auto durch die Midi-Pyrénées

Für meinen Kapitän ist es eine gewaltige Umstellung, wieder in einem so leicht manövrierfähigen Gefährt zu sitzen. Zudem muss er nun wieder unserem Navi folgen, dessen Stimme wir eine Woche lang missen konnten. Bereits nach einer halben Stunde führt sie uns wieder in die Region der Midi-Pyrénées. Die Landschaft wird hügelig und ist landwirtschaftlich geprägt. Unser Schleichwege-und-Adventure-Navi wählt eine Route durch Dörfer mit weniger als zehn Häusern – einfach herrlich.

Etappen der Hausboottour auf dem Canal du Midi

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