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Transnistrien am Fluss Dnister

Der De-facto-Staat zwischen Moldawien und der Ukraine

beim Gemeindehaus von Chitcani in Transnistrien

Nur ein schmaler Streifen zwischen dem Fluss Dnister und der Ukraine bildet den De-facto-Staat Pridnestrowskaja Moldawskaja Respublika, besser bekannt als Transnistrien. Kaum jemand schert sich um den Landstrich, der völkerrechtlich Teil der Republik Moldau ist. Als wir zu Hause erklärten, dass wir nach Transnistrien reisen, fragten uns einige, ob wir das Schloss von Dracula besuchen?

Nein, Transsylvanien liegt wieder woanders. Tatsächlich führt uns diese Reise in ein Land, welches es genau genommen gar nicht gibt. Dem zum Trotz ist Transnistrien seit 1992 unabhängig von Moldawien. Mit weniger als 500.000 Einwohnern verfügt es über eine eigene Regierung, Flagge und Hymne, Währung, Verwaltung und sogar einem Militär.

Lars von Münchhausen fliegt über die Festung Bender
Anne und Lars in Tiraspol, der Hauptstadt von Transnistrien

Einzig die internationale Anerkennung bleibt ihnen bis dato verwehrt. Der Transnistrien-Konflikt, der seit 1990 andauert und dessen Auseinandersetzungen in einem halbjährigen Krieg 500 Todesopfer forderte, ist nach wie vor ungelöst. Er gilt inzwischen jedoch als »eingefroren«. Für eine gewisse Ruhe und Stabilität sorgen die stationierten russische Soldaten. Die Spannungen zwischen Moldau und Transnistrien halten trotzdem noch immer an. Doch die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Staaten gestalten sich als unkompliziert. Genauso verhält es sich inzwischen beim Reiseverkehr. Auch ohne konsularische Betreuung ist es gut möglich, nach Transnistrien zu reisen; in das »Freilichtmuseums des Kommunismus«.

Anreise nach Transnistrien

Es gibt drei Möglichkeiten, von Chisinau nach Transnistrien zu reisen. Sicherlich interessant ist die Anreise mit der Bahn. Natürlich vorausgesetzt, sie fährt. Angeblich geht täglich morgens ein Bummelzug von Chisinau nach Odessa, mit Halt in Bender oder Tiraspol.

Als wir den Bahnhof Chisinau besuchen, steht jedoch keine solche Verbindung angeschrieben. Stattdessen fallen uns in der Stadt einige Male Minibusse mit dem Anschrieb »Tiraspol« auf. Diese pendeln täglich mehrmals zwischen dem Busterminal der Hauptstadt Moldaus und Tiraspol.

beim Kloster Noul Neamt bei Chitcani in Transnistrien
typisch für Transnistrien: Lenin-Köpfe und Hammer und Sichel im Wappen

Privattransfer in ein unbekanntes Land

Am schnellsten und bequemsten ist die Fahrt mit dem Auto. Wobei man hier allerdings aufpassen sollte. Die wenigsten Mietwagenfirmen gestatten einen Grenzübertritt nach Transnistrien, insofern es überhaupt einen solchen Anbieter gibt. Und das eigene Auto muss importiert und später wieder exportiert werden, was langwierig sein soll. Um nicht kostbare Reisezeit zu vergeuden, gönnen wir uns einen von »Transnistria Tour« organisierten Privattransfer.

Der deutschsprachige Führer, Andrej Smolenskij, hat es mit seiner kleinen Agentur bereits in die Reiseliteratur, ins Radio und sogar ins Deutsche Fernsehen geschafft. Per E-Mail haben wir gemeinsam eine individuelle Tagesreise durch sein, für uns unbekanntes Land zusammengestellt. Nach zwei Tagen in Chisinau soll uns ein Fahrer direkt beim City Park Hotel abholen.

Leninkopf bei Chitcani in Transnistrien
Andrej Smolenskij auf der Münchhausen-Kanonenkugel von Bender in Transnistrien
die Georgskapelle bei Tiraspol in Transnistrien

Während wir warten, trifft eine Reiseleiterin für die Holland-Gruppe im Hotel ein. Als wir sie auf Transnistria Tour ansprechen, muss sie jedoch passen. Andrejs Agentur ist ihr gänzlich unbekannt. Zählt das schon zu den Spannungen zwischen den beiden Regionen? Immerhin ist Moldau gegen die Abspaltung Transnistriens.

Dann kommt aber unser Fahrer, mit etwas Verspätung zwar. Dafür, dass er schon am frühen Morgen bei Tiraspol gestartet ist, aber doch innerhalb eines angemessenen Zeitrahmens. Eigentlich hatten wir als Taxi einen klapprigen russischen Lada erwartet. Stattdessen erfolgt der Transfer mit einem alten Opel mit transnistrischem Kennzeichen. Klappern kann auch der.

die Festung Bender in Transnistrien
der Garten des Klosters Noul Neamt in Transnistrien

Doch die Fahrt verläuft angenehm. Sowie wir das Zentrum von Chisinau hinter uns lassen, beruhigt sich der Verkehr. Wir passieren kleine Dörfer und riesige Agrarflächen. Schließlich erreichen wir die Grenze. Vor uns sehen wir das Grenztor mit dem Wappen Transnistriens: Hammer und Sichel, das typische Symbol des Kommunismus und Leninismus sind darin natürlich integriert. »Pasport«, sagt unser sonst wortkarger Fahrer. Wir kramen unsere Dokumente zusammen und begleiten ihn zur Anmeldung.

Den Zöllnern erzählt er gefühlt eine Story vom Pferd. »Turisty« ist das einzige, was wir verstehen. Weniger Minuten später bekommen wir unsere Pässe wieder ausgehändigt. Einen Stempel gibt es nicht. Wohl aber eine Migrationskarte, die für drei Tage gültig ist. Der Grenzübertritt in die ehemalige DDR war während meiner Kindheit sehr viel komplizierter. Offenbar macht auch der Sozialismus Fortschritte.

VG Wort
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