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Brautschleierwasserfall im Yosemite Nationalpark

Vom Tunnel View zurück ins Yosemite Valley gefahren, halten wir beim Bridalveil Creek. Unser Reiseleiter schätzt, dass wir etwa fünf Minuten bis zum Bridalveil Falls (Brautschleierwasserfall) und zurück brauchen, drei vielleicht für den Hinweg.

Er hat die Rechnung ohne den Weg und vor allem ohne unsere Entdeckungs- und Abenteuerlust gemacht. Denn von der Straße bis zur Aussichtsplattform sind es immerhin 0,4 Meilen über einen verschneiten Wanderpfad.

Kojote im Yosemite National Park
Hirsch im Yosemite Nationalpark

Während für uns bei einer nahen Brücke klar ist, dass wir weit mehr Zeit brauchen als vorgegeben, endet für andere Teilnehmer unserer Gruppe der Spaziergang eben dort. Denn die letzten Meter zur Brücke sind so glatt, dass man sie mit Halbschuhen oder Freizeittretern nur mühsam meistert.

Auch wir müssen trotz Wanderschuhe aufpassen, um auf der Schneedecke nicht auszurutschen. Bis zu einer Biegung, wo der Weg zur Aussichtsplattform abzweigt, kommen wir jedoch ohne Probleme voran.

Granitblock El Capitan
Aufstieg zum Brautschleierwasserfall

Genau ab da wird die Sache haarig. Durch die vielen Besucher ist die Schneedecke fest getreten und durch die Gischt des Wasserfalls nahezu spiegelglatt. Während es einem Mann weiter oben die Füße wegreißt und er haltlos zurück rutscht, weichen wir auf den Waldboden aus.

Eine gute Entscheidung, da die Schneedecke dort rauer ist und wir uns an den Ästen festhalten können, bis wir das untere Ende einer vereisten Rampe erreichen. Hier bleibt das »nahezu« von »nahezu spiegelglatt« auf der Strecke. Dem nicht genug, müssen wir einsehen, dass griffige Wanderschuhe wenig nützen, wenn es auf dem Terrain nichts mehr gibt, was sie greifen könnten.

Brautschleierwasserfall - Blick vom Tunnel View
Vereiste Rampe im Yosemite Nationalpark
Brautschleierwasserfall - Bridalveil Falls

Wer weiter will, hat keine Wahl: er muss sich an der Außenseite des Geländers, neben der Rampe, Stück für Stück mühsam hinauf ziehen. Nachdem ich meine Kamera fest geschultert habe, folge ich Annette bis zu einem Baum am oberen Ende der Rampe. Leider steht der Baum so ungeschickt zwischen dem Geländer und einem Felsen,

dass nur eine schmale Lücke bleibt, durch die man sich hindurchzwängen muss. Leider endet bei dem Baum nicht nur die Rampe, sondern außerdem das Geländer. Und leider gibt es danach auch nichts anderes, an dem man sich weiter hinauf ziehen könnte.

Der Weg von der Aussichtsplattform zurück nach unten.
Brautschleierwasserfall

Das einzige, dass ich an dem Fels zu fassen bekomme, ist ein in den Schnee geschriebener Name, dessen vereiste Buchstaben mir zumindest die Idee von einem Halt geben, bevor der Weg wieder flacher wird und ich die letzten Meter zur Plattform unterhalb des Bridalveil Falls gehen kann. Die Plackerei hat sich gelohnt: wo sich sonst unzählige Besucher des Nationalparks drängen, stehe ich völlig alleine. Vor mir stürzt das Wasser in einer Kaskade 188 Meter in die Tiefe, treibt die Gischt über die vereisten Felswände rund um den Wasserfall. Es ist ein herrlicher Anblick!

Als die Bilder im Kasten sind, erscheint Michael auf der Plattform. Er wirkt besorgt. Kein Wunder, denn mit drei Minuten hatte unser Reiseleiter lediglich das Stück bis zur Brücke gemeint. Dass wir uns bei den schwierigen Verhältnissen an den Aufstieg wagen, hätte er sich nicht träumen lassen. Sein Angebot, die Kamera zu tragen, lehne ich jedoch ab. Wenn schon jemand damit stürzt, dann bitte sehr ich selber. Aber wozu das Risiko eingehen? Es ist doch viel witziger, sich am Rand der Plattform auf das Eis zu setzen und den Weg einfach wieder hinunter zu rutschen.

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