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Bis(s) zum letzten Tag

Wie Silvester seinen Reiz verlor

»Das ist nicht das, was wir wollten?« fragend blickt mich Annette an. Unsere erste Fernreise zu Weihnachten zog zwangsläufig das erste Silvester in einem fernen Land nach sich. Gegenüber daheim sollte sich der Jahreswechsel für uns mit sieben Stunden Verspätung ereignen, in einem Hotel mitten in Costa Rica. Beim Einchecken wies man uns noch darauf hin, dass man für den Abend bitte reservieren solle, da sie ein volles Haus erwarteten.

Am Eingang zum Restaurant stand eine Tafel mit mehreren Gerichte. Die Auswahl klang gut, die Preise waren moderat. Ob dies das Essen für heute Abend sei? »Sí, Señora.« Annette reservierte und wir freuten uns auf einen schönen Silvesterabend. Doch bis dorthin hatte sich die Tafel gewandelt. Sie stellte uns nun ein Menü vor, das zwar nicht unseren Geschmack traf, dafür aber unsere damals junge Reisekasse bis ins Mark erschüttert hätte.


Der Anstand setzte uns dennoch an den Tisch. Zum Glück waren die Costa-Ricaner fair. Denn unsere Blicke und Annettes damals noch gebrochene spanische Erklärung bewogen sie dazu, uns ungeschoren gehen zu lassen. Blieb die Frage, was nun? Der Abend war jung und der Bauch war leer. Nach einer kurzen Odyssee durch die Straßen Santa Elenas fanden wir eine schlichte Pizzeria. Einen Augenblick später hatten wir auch jeder seine Silvesterpizza gefunden.

Die Preise kamen mir zwar etwas verdächtig vor. Doch auch die Nachfrage des jungen Kellners, ob wir wirklich jeweils eine ganze Pizza wollten, konnte uns nicht beirren. Etwas später saßen wir jeder lachend vor seiner riesigen Familienpizza. Silvester war gerettet. Und ganz nebenbei hatte sich auch die Frage erübrigt, was es am Neujahrstag zu essen gibt. Ich glaube, am zweiten Januar haben wir den Rest weggeschmissen bzw. indirekt an die Affen verfüttert.


Es folgte Silvester auf Teneriffa. Zusammen mit meinen Eltern hatten wir uns bei einer damals noch ruhig gelegenen Finca eingemietet. Die vom Eigentümer der Anlage angepriesene Bodega war geschlossen. Aber wir könnten zu ihrer anderen Finca fahren. Dort hätten sie einen Sternekoch und das Ganze würde nur 100 Euro pro Person (das war damals viel Geld) kosten, Getränke natürlich ausgenommen. Wie wir wieder zurückkämen. Na, wir hätten doch ein Auto. Und ich war der Fahrer.

Was nun? Natürlich wissen wir, dass es einen irren Aufwand verursacht, ein Sterne-Essen zuzubereiten. Andererseits ... wenn man das Geld für vier Personen zusammenwirft und einkaufen geht, dann kann man eine Woche wie die Made im Speck leben. Mitternacht haben Annette und ich zwar nur mitbekommen, weil uns meine Eltern wach gehalten haben. Das ungezwungene Grillen auf der Terrasse, unter freiem Sternenhimmel, aber hätte kein Sternekoch toppen können.


Es folgten die Kapverdischen Inseln. Hier muss man zunächst wissen, dass einst ein aus Portugal stammender Bürgermeister von Calheta seinen Dorfbewohnern eine Freude machen wollte. Ein großes Feuerwerk kannte man dort nicht. Dies allerdings hatte zur Folge, dass viele ältere Dorfbewohner vor Schreck, der Himmel würde ihnen auf den Kopf fallen, das Weite suchten. Auf der Wiederholung solch eines Hölleninfernos wurde zur Zeit unserer Reise lieber verzichtet.

Etwas Besonderes will man seinen Gästen aber natürlich auch hier bieten. Wer am Tag eine Wanderung unternommen hatte, musste daher bei den meisten Restaurants bis spät am Abend warten, bis es überhaupt etwas zu Beißen gab. Wieder war es eine Pizzeria, die uns rettete. Dank des aus Südfrankreich stammenden Pizzabäckers konnten wir zu angenehmer Stunde gemütlich essen, während andere Hunger litten, bevor die hoch gesteckte Erwartung unerfüllt blieb.


Ein Jahr später sollten wir den Jahreswechsel am Grand Canyon verbringen. Ein Blizzard entschied anders. Weil mehrere Highways gesperrt waren, strandete unsere Reisegruppe stattdessen in Las Vegas. Ein Traum, sollte man meinen. Aufgeregt buchten die anderen unserer Gruppe flugs in den umliegenden Hotels die hoch angepriesenen Silvesterdinner. Auch uns hätte es gereizt, diese tolle Stadt an so einem Tag zu erleben. Weil sich Annette erkältet hatte, gingen wir jedoch früh ins Bett.

Am Neujahrsmorgen beglückwünschten uns die anderen dafür. Sie berichteten von überfüllten Restaurants, gestresstem Personal und Gedränge auf dem Hoteldach, um die »0815-Feuerwerke« in der Umgebung über sich ergehen zu lassen. Über meine Vorstellung, dass die Hotels das doch sicher aufeinander abstimmten, um eine gigantische Lichtershow zu schaffen, lächelten sie nur müde. Wenige Tage später verbrachten wir einen schönen und entspannten Abend im Venetian Resort.


Auf Borneo hatte der Silvestertag seinen alten Zauber längst eingebüßt. Da am Tag drauf eine zweitägige Wanderung auf den Kinabalu auf unserem Programm stand, stand ein erneut frühes zu Bett gehen außer Frage. Ein gemütliches Silvesteressen wollten wir uns aber doch gönnen. Diesmal hatten wir echt Pech.

Denn obwohl es auch schon auf Höhe der Hotels keine Blutegel geben sollte, hatte ich plötzlich die Hand voller Blut. Nachdem die Blutung gestillt war, war dann auch die Gefahr gebannt, sich an den vielen leckeren Gerichten zu verbrennen. Schade eigentlich. Ein schöner Abend in trauter Zweisamkeit war es dennoch.


Der nächste richtige Knacks ereilte uns auf Ko Raja, Thailand. Diesmal hatten wir keine Wahl, als Hotelgast musste man das teure Silvestermenü zwingend buchen bzw. zahlen. Fassbier sowie Softdrinks waren inbegriffen, Wasser wurde beim Essen ohnehin nicht berechnet. Zum Glück sind wir beide keine Bierfans. Denn später stellte sich heraus, dass es das Fassbier erst zu späterer Stunde gab. Das Bier zum Dinner indes stammte aus Flaschen und musste folglich gezahlt werden.

Immerhin: es blieb reichlich Zeit, das Gratisbier in der extra für Silvester zur Disco umgebauten Strandbar in sich hineinzukippen. Denn nachdem die ersten Gäste mit dem Essen fertig waren, wurden dann auch die übrigen Gäste dazu genötigt, den Restaurantbereich zu räumen und zur Disco zu wechseln. Geblieben sind dort nur wenige, da die irre laute Techno-Feier vor allem auf das eigene, wild tanzende Personal ausgerichtet war. Die Zeche für all das hatten die Hotelgäste ja längst gezahlt.


Als Nächstes erlebten wir einen unspektakulären Jahreswechsel in Lalibela, Äthiopien. Also gleich weiter nach Kuba. Genau gesagt: Trinidad. Was sollen wir sagen? Hier endlich erlebten wir es, dass sich das Personal den ganzen Tag über ins Zeug legte. Kurz vor dem Sektempfang ist zwar die Gläser-Pyramide einer ungestümen Studiosus-Gruppe zum Opfer gefallen. Das hat die Angestellten aber nicht davon abgehalten, zum Beginn der Feier geschwind ein paar Fotos von sich zu schießen. Der Stolz über die erbrachte Leistung strahlte aus ihren Gesichtern, steckte auch uns an und sorgte für einen tollen Auftakt des Festes.

Schließlich galt es, auf den Außenbereich zu wechseln, wo die große Show stattfinden sollte. Ein Wermutstropfen war jedoch, dass sich Programm mit vor allem Showtanz und Gesang nicht von den anderen Abenden unterschied. Außer in dem Punkt, dass nun alles zwei Stunden später stattfand. Das war vor allem deshalb schade, dass es mit der Zeit empfindlich kühl wurde, Cocktailkleider gegen Hosen und dicke Jacken getauscht wurden. Ach ja, und dann hatte vom Hotel niemand daran gedacht, dass die Gäste vielleicht auch in der Zeit zwischen dem Essen und der Show etwas trinken möchten ...


In Laos erlebten wir unser bisher ehrlichstes Silvester. Zufällig hatten wir just an dem Tag eine Übernachtung in der Hauptstadt Vientiane. Schon den ganzen Tag drang laute Musik vom zentralen Stadion zu uns herüber. Auch am Mekong bereiteten sich die Laoten auf den Jahreswechsel vor. Zu all dem erklärte unser Reiseleiter jedoch lapidar: »Silvester wird in Vientiane sehr, sehr laut und sehr, sehr wild gefeiert. Bleibt besser im Hotel.«

Danach wurde uns bei einer Rundreise durch Myanmar erneut ein Silvestermenü schmackhaft gemacht. Für den fünffachen Preis gegenüber dem Normalen sollte dieses aus über 30 Gängen (Büfett-Gerichten) bestehen. Dazu trete der Puppenspieler vom Vorabend nochmals auf und spiele eine Band Livemusik. All das klingt erst einmal in Ordnung. Andererseits hatten wir schon zu Mittag mehr als genug gegessen.


Statt am Büfett ohne den nötigen Appetit irgendwelche Leckereien auf den Teller zu häufen, haben wir uns auf dem Nachtmarkt eine Pomelo geholt und im Zimmer geschlachtet. Erst zu fortgeschrittener Stunde sind wir auf die festliche Dachterrasse des Hotels gegangen, wo uns eine - gelinde gesagt - lethargische Stimmung empfing. Sichtlich erleichtert blickten die Musiker zu uns herüber, als wir uns auf die Tanzfläche wagten und dadurch für etwas Stimmung sorgten.

Zuletzt mussten wir das Silvesterdinner im Oman zwangsweise dazu buchen. Die Unterhaltung war gut, das Essen lecker, der Wein für uns voll in Ordnung. Und auch für Unterhaltung war durch die Tischordnung sowie einem Gesangsduo gesorgt. Also alles bestens? Ja, fast. Denn all das gab es, bis auf den Hummer und einem erweiterten Angebot an Muscheln und Desserts, auch an den anderen Tagen - allerdings ohne den Aufpreis aufs gebuchte All-Inclusive von 200 Euro pro Nase.


Zählen wir nun all unsere Silvester-Erfahrungen zusammen, so wird vor allem eins deutlich: Silvester ist ein ungemein wichtiger Tag. Und zwar in erster Linie für die Hotels. Ob die Gäste all das Gebotene wollen oder sich wohl fühlen, scheint zweitrangig. Denn wann immer wir früh ins Bett gegangen sind oder unser eigenes Ding gemacht haben, beglückwünschten uns alsbald andere dazu. Um uns im nächsten Augenblick mit gern dickem Kopf von ihrem unerfüllten Abend zu berichten, wo so vieles nicht so war wie versprochen oder man es sich gewünscht hatte.

Letztendlich aber läuft es wohl schlicht auf den Luxus hinaus, dass wir uns alle möglichen Dinge nicht für nur einen besonderen Abend aufsparen, sondern ebensogut an vielen anderen Tagen und Abenden machen können. Anstatt sich während weniger Stunden auf einer provisorischen Tanzfläche zu drängen, nutzen wir lieber wochenlang die ansprechend gestaltete und doch nur wenig besuchte Hoteldisco. Zusammen mit all den anderen silvestertypischen Unternehmungen lässt sich der Jahreswechsel deutlich entschärfen - und wieder entspannt genießen.

VG Wort
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