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Nutria schwimmen im Grand Bassin

Oder sind es Fischotter in Castelnaudary?

Castelnaudary ist für den Abschluss der Goldenen Woche auf dem Canal du Midi ein richtig schöner Ort. Das Grand Bassin, ein riesiges Hafenbecken, bildet mit der wunderbaren Stadtkulisse ein einzigartiges Idyll. Eigentlich hatten wir so einen Hafen bei Carcassonne erwartet. Wir beschließen, im Hafen zu bleiben. Für unseren letzten Programmpunkt in Castelnaudary hieven wir ein letztes Mal die Fahrräder von Bord.

Auf dem Weg in die Altstadt spüren wir auch am deutlichsten, was die Teile für ein Schrott sind. So fällt mir beim Einlegen des leichtesten Gangs die Kette herunter. Leicht ölverschmiert geht es zwar bald weiter, die steilen Straßen aber schieben wir die Räder nun lieber nach oben. Und auch wieder nach unten, da wir den Bremsen nicht trauen.

am Grand Bassin von Castelnaudary
am Grand Bassin von Castelnaudary

Bereits die Kelten und später auch die Römer siedelten auf dem Hügel, der aus dem Flachland des Lauragais herausragt. Doch das wichtigste Ereignis war die im Jahr 1211 geschlagene Schlacht von Castelnaudary. Simon de Montfort stand damals mit seinem Kreuzfahrerheer der zahlenmäßig überlegenen Allianz südfranzösischer Ritter gegenüber.

Der Kampf ging unentschieden aus. Doch letztendlich war Montfort der Sieger, da sich die Ritter angesichts des für sie enttäuschenden Verlaufs der Schlacht gegenseitig in die Haare kriegten.

Nutria im Grand Bassin von Castelnaudary
am Grand Bassin von Castelnaudary

Erst durch den Canal du Midi errang Castelnaudary mit seinem Binnenhafen überregionale Bedeutung. So können wir heute durch die gepflegten Gassen radeln und erreichen auf dem abgeflachten Gipfel die Kirche Saint-Michel mit ihrem auffälligen, 56 Meter hohen Kirchturm. Die Kirche ist ein imposantes Gebäude. Doch im Innern sorgt ein selbsternannter Tunichtgut für Unmut.

Er hat Ansichtskarten vom Innenraum drucken lassen und will diese nun verkaufen. Deshalb untersagt er unangenehm aufdringlich allen Besuchern das Fotografieren. Ob er seine Karten verkaufen kann, indem er die Besucher vergrault? Fraglich, wir radeln wieder in den unteren Bereich von Castelnaudary und noch ein kurzes Stück am Canal du Midi entlang.

Nutria im Grand Bassin von Castelnaudary
Nutria im Grand Bassin von Castelnaudary

Für eine kleine Überraschung sorgt am späten Nachmittag die kleine Insel nahe der Bootsstation. Andere Reisende berichten uns aufgeregt von einer Fischotter-Familie, die dort angeblich die Touristen anbettelt. Also nichts wie hin. Aber ob es da wirklich Fischotter gibt? Ich dachte immer, die bevorzugen klares und fischreiches Wasser. Und der Canal du Midi ist alles andere als klar. Oder, wie es mein Schlauberger-Landespfleger formuliert: »Das ist ausgeschlossen. Das werden Nutria sein.« Was soll ich da sagen?

Es sind tatsächlich Nutria, auch als Biberratte oder Sumpfbiber bekannt, die bei der Insel fröhlich durchs Wasser schwimmen und sich von uns füttern lassen. Dabei sehen die Jungen ja noch niedlich aus, wenn sie genüsslich die Brotstangen knabbern. Doch dann kommt die Mama – und das ist eine ganz schöne Riesenratte. Viele schimpfen die Tiere als hässlich – ich mag sie und hässlich ist anders. Allzu sehr sollte man sich über das Auftreten dieser nordamerikanischen Einwanderer aber auch nicht freuen, da sie heimische Arten verdrängen und mit ihren Höhlen zudem ein Problem für den Kanal darstellen.

am Grand Bassin von Castelnaudary
Lars beim Captain’s Dinner am Grand Bassin von Castelnaudary

Bis zum späten Nachmittag trudeln die doch recht vielen anderen Boote im Hafen ein. Ein paar der Crews kennen wir durch gemeinsames Schleusen. Die meisten aber sind die ganze Woche hinter uns her gefahren, sodass wir sie hier zum ersten Mal sehen. Die frühe Übernahme vom Boot ist also wirklich Gold wert!

Am Abend gibt es Captain’s Dinner auf dem »Oberdeck«, was für uns bedeutet: Resteessen. Dieses ähnelt zwar einem Raclette ohne Käse, doch bei der Kulisse gehört es zu einem richtig schönen Abschluss mit – natürlich – der letzten Flasche Rotwein auf dem Canal du Midi.

Abendstimmung am Grand Bassin von Castelnaudary
Abendstimmung am Grand Bassin von Castelnaudary

Am Abend sehe ich auch die Zeit gekommen, Lars ein Geheimnis anzuvertrauen: die Goldene Woche auf dem Canal du Midi ist zwar durchaus für Anfänger möglich. Wegen der vielen Schleusen aber heißt es selbst auf der Seite von Le Boat in einigen Bewertungen, dass sich diese lange Strecke von Port Cassafières bis ganz hoch nach Castelnaudary nicht wirklich für Anfänger eignet. Besser wäre es, zumindest ein wenig Erfahrung im Umgang mit dem Boot und den Seilen mitzubringen.

Interessiert nimmt mein Kapitän zur Kenntnis, wie ich meine Schilderung mit »aber ich denke, man darf Dir am Anfang nicht immer alles verraten« schließe. Wie wird er reagieren? Falle ich nun doch noch ins Wasser? Werde ich den Nutrias zum Fraß vorgeworfen? Langsam holt Lars tief Luft, lässt den Blick übers Hafenbecken schweifen und greift schließlich zu seinem Glas: »Ja.«

Nutria bei Castelnaudary | Canal du Midi

Nutria bzw. Biberratten im Hafen von Castelnaudary. Die possierlichen Einwanderer aus Nordamerika lassen sich von den Menschen füttern, sind aber ein Problem für die Dämme und heimische Fauna.
VG Wort
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