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Gipfelstürmer auf dem Piton des Neiges

Zweitagestour zum Piton des Neiges 5/6

Kaum haben wir ein paar Sachen getauscht (Schlafsack und anderer unnötiger Ballast nach unten, Navi und Traubenzucker nach oben), springe ich den nächsten kurzen Abschnitt den Berg hinauf. Mein einziger Gedanke ist, dass ich so schnell wie möglich über den Wolken sein will. Leider muss ich mir bald eingestehen, dass ich das Tempo nicht durchhalten werde und wenigstens einen Gang zurückschalten muss. Als mir eine besonders heftige Böe den Nieselregen ins Gesicht klatscht, suche ich Schutz neben einem großen Felsbrocken.

Zeit zum Trinken, Zeit für Traubenzucker, Handschuhe an und weiter. Auf dem nächsten Abschnitt lassen mich zwei besonders nasse Böen zweifeln, ob ich richtig liege. So ist von der Sonne auf einmal nichts mehr zu sehen. Wieder Traubenzucker, der nächste Schluck Wasser, neue Kraft mobilisiert und die nächsten 20, 30, 50 Höhenmeter genommen. Als mir ein junger Japaner entgegen kommt, frage ich ihn, ob er Sonne auf dem Gipfel hatte. Er spricht kaum ein Wort Englisch, gibt mir aber allein durch seine Gestik zu verstehen, dass er von einem richtig tollen Erlebnis zurückkommt.

Lars auf dem Gipfel des Piton des Neiges
auf dem Gipfel des Piton des Neiges

Als ich mich etwa 150 Meter oberhalb der Hütte befinde, ist das Schlimmste überstanden. Auch wenn von der Sonne noch nichts zu sehen ist, wird es wieder heller und lässt der Wind spürbar nach. Auf einer Höhe von 2.670 Meter bzw. 170 Meter über der Gîte bekomme ich erstmals eine etwas weitere Sicht und wage ich es, die Kamera geschwind für ein Foto aus dem Rucksack zu nehmen. Als ich sie wieder verstauen will, stutze ich.

Denn plötzlich stehe ich oberhalb der Wolkendecke mit einem strahlend blauen Himmel über mir. Es ist windstill und im Sonnenlicht einige Grad wärmer als noch wenige Augenblicke zuvor. Vor Glück mag ich schreien: »Nennt mich Wetterguru, nennt mich Sonnengott!« Allein das Wissen, dass Annette derart angeberische Theatralik gar nicht mag, lässt mich schweigen. Jacke aus, Traubenzucker rein, zwei Schluck Wasser, Sonnenbrille … ist längst wieder in der Hütte.

beim Piton des Neiges
Pflanzen beim Piton des Neiges

Bis hoch zum Gipfel sind es noch rund 400 Höhenmeter. Mit einem fetten Strahlen im Gesicht kann ich diese nun ruhig angehen lassen und das hier oben richtig geile Wetter genießen. Hatte sich am Tag zuvor noch eine Frau auf Schwyzerdütsch darüber mokiert, dass in der Nacht alle wie eine Stirnlampenkarawane auf den Berg laufen werden, so bin ich nun auf weiter Flur allein. Und um mir herum nichts als Steine und nasse Zwergsträucher, deren Farben nun im Sonnenlicht besonders intensiv leuchten.

Schließlich gelange ich an einen Übergang. Dachte ich zuvor, dass der Weg zum Gipfel immer nur bergauf führt, werde ich hier eines Besseren belehrt. Der Weg führt durch eine Mulde. Es sind höchstens 30 Höhenmeter, die ich dadurch zusätzlich leisten muss. Allein wenn man diese nicht auf der Rechnung hat … Egal, kurze Atempause, Wasser, Traubenzucker, weiter – erst immer in Richtung einer Sendeanlage, dann nach links auf den breiten und abgeflachten Gipfel.

auf dem Gipfel des Piton des Neiges
Anne - nich ganz auf dem Gipfel des Piton des Neiges
Wanderung beim Piton des Neiges

Sowie ich an den Rand des Plateaus trete, hängt unter mir der Nebel im Talkessel von Cilaos. Der benachbarte Gros Morne ragt indes aus der Wolkendecke heraus. Wie auch der Piton de la Fournaise in der Ferne und mehrere andere Gipfel am Rand der drei Talkessel von Réunion. Auf den letzten Metern zum Gipfel bestimmen einige aufgestapelte Steinkreise das Bild. Sie ähneln einer keltischen Fliehburg im Miniaturformat und sollen die Nachtwanderer vor eisigen Windböen schützen.

Anderthalb Stunden nach unserem zunächst noch gemeinsamen Aufbruch bei der Hütte stehe ich auf dem Gipfel des Piton des Neiges, den mit 3.071 Metern höchsten Punkt auf La Réunion und dem gesamten indischen Ozean. Um Annette nicht allzu lange warten zu lassen, belasse ich es bei einem kurzen Aufenthalt. Allzu spektakulär ist der Gipfel ohnehin nicht.

Abstieg vom Pitn des Neiges - Ausblick nach Cilaos
Park- und Picknickplatz Le Bloc

Mit nur noch kurzen Fotostopps beim Abstieg komme ich schließlich nach insgesamt zweieinhalb Stunden wieder bei der Berghütte an, wo nur wenige Nebelschwaden zu sehen sind, sich aber ansonsten auch die Sonne durchgesetzt hat. Dort genießen wir noch eine Weile das nun wieder herrliche Wetter, eh wir uns an den gemeinsamen Abstieg zum Rast- und Wanderparkplatz Le Bloc machen.

Bedenken wir, dass ein Teil der Nachtwanderer noch im Regen »schnellstens« hinuntergelaufen ist, hat es sich auch hier gelohnt, auf besseres Wetter zu warten. So verwandeln unzählige winzige Tröpfchen an den Bartflechten die nun sonnendurchfluteten Wälder in eine Landschaft, die sich nur mit einem Wort beschreiben lässt: zauberhaft.

Video Piton des Neiges - Wanderung ab Cilaos

Zweitägige Wanderung auf den Piton des Neiges mit Übernachtung auf der Gîte Piton des Neiges (auch Gîte de la Caverne Dufour) auf etwa 2500 Meter über dem Meer.
VG Wort
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