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Baumhaus an der Mauer

anatolische Sorglosigkeit in Kreuzberg

Über zahlreiche Ecken und Kanten zog sich die politische Grenze einst durch das geteilte Berlin. Und mit jedem zusätzlichen Winkel verteuerte sich der Mauerbau. Um zumindest einen Teil der Kosten einzusparen, wurde das ein oder andere Eckchen ausgelassen. So geschah es auch am Bethaniendamm im Ortsteil Kreuzberg. Ein circa 350 Quadratmeter großes Stück DDR lag dadurch ungenutzt hinter der Mauer im Westen.

Das änderte sich, als der aus Mittelanatolien stammende Osman Kalin sich des Terrains annahm. In seiner anatolischen Sorglosigkeit bestellte er den Flecken Erde zuerst mit Tomaten, Zwiebeln, Kohl und Bohnen. Später entstand um einen Baum herum eine aus Sperrmüll zusammengebastelte einstöckige Laube. In dieser fühlte sich Osman Kalin während der Sommermonate wohler als in seiner stickigen Altstadtwohnung.

Osman Kalins Baumhaus an der Mauer in Kreuzberg - Berlin
Osman Kalins Baumhaus an der Mauer in Kreuzberg - Berlin

Die DDR-Behörden beobachteten das Geschehen mit Unbehagen von der Ferne. So lag die Vermutung nahe, der Gemüsebauer könne einen Fluchttunnel graben. Angeblich schaffte es die Angelegenheit bis auf die Tagesordnung des Zentralkomitees der SED. Doch die DDR-Oberen hatten Mitleid mit diesem armen Mann. Sie sahen in Kalin ein Opfer der kapitalistischen Verhältnisse, das offenbar auf den Verkauf von Gemüse angewiesen sei. Vom vermeintlichen Fluchthelfer stieg der Türke damit zu einem Aushängeschild der sozialistischen Propaganda auf.

Letztendlich duldeten sie die unrechtmäßige Nutzung ihres ausgemauerten Staatsgebietes. Tatsächlich hat das Baumhaus an der Mauer das Ende der DDR überdauert. Damit zählt Kalins Baumhaus heute zu den Sehenswürdigkeiten im Stadtteil Kreuzberg. Schade allerdings finden wir, dass sowohl der Garten als auch die Laube einen inzwischen unbelebten und schäbigen Eindruck machen. Das Sammelsurium an Sperrmüll ermutigt offenbar auch andere Bewohner des Kiez dazu, hier ihren Müll günstig los zu werden.

Blick über die Spree auf den Berliner Fernsehturm
VG Wort
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