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Bullensprung bei den Hamer

Rennen über Ochsen zur Aufnahme in die Dorfgemeinschaft

Nach einer weiteren Zeit des langen Wartens betritt endlich der Initiator des Festes die freie Fläche auf dem Plateau. Anders als die Maza hat er lange und offene Strubbelhaare. Das soll ihn wohl von den anderen Männern des Dorfes unterscheiden. Bis auf zwei Ketten um die Schultern ist er völlig nackt. Bei seinem Erscheinen endet dann endlich das rituelle Frauenpeitschen und werden die Rinder für den Bullensprung auf engstem Raum zusammengetrieben.

Für die Rinderreihe werden zwar nur ein paar Tiere benötigt, trotzdem wird erst einmal die ganze Herde auf der Fläche zusammengetrieben. So wird wohl der Reichtum des Stammes für alle Anwesenden sichtbar dargeboten. Die Hamer-Frauen tanzen mit viel Geschelle, Getröte und Gesang um die Herde herum. Dabei ziehen die Hamer den Kreis immer enger, bis die Rinder schließlich ganz nah beieinander stehen.

Kurz vor dem Bullensprung tanzen die Frauen noch um die Kuhherde.
Und die Männer versuche, die Bullen in eine Reihe zu stellen.

Dann beginnen die jungen Männer die benötigten Ochsen aus der Herde zu ziehen. Da auch Kühe darunter sind, dauert es eine Weile, die richtigen Tiere zu sammeln. Diese wurden bereits zuvor vom Initiator ausgewählt. Und doch haben die Ochsen keine Lust, brav nebeneinander stehen zu bleiben.

 

Es wird also gezogen und gezerrt an Schwanz, an den Beinen und den Hörnern der Tiere, die sich sichtlich unwohl fühlen. Und dazu noch der Radau der Frauen. Hin und wieder versucht ein Tier zu entkommen, was zusätzliches Gekreische auslöst. Aber es geht alles gut und die Rinder stehen bald in einer Reihe.

Und die Männer versuche, die Bullen in eine Reihe zu stellen.
Tanzende Hamer-Frauen vor dem Bullensprung.
Hamer-Männer treiben die Rinder zusammen.

Die bemalten Männer, die jetzt magische Kräfte besitzen sollen, verteilen sich um den Kreis. Das ist blöd für so manchen Tourist. Einer Italienerin wird die Sicht verstellt und sie klopft dem Mann leicht auf die Schulter. Das hätte sie besser bleiben lassen.

Sie wird zwar nicht ausgepeitscht, erntet aber bitterböse Blicke der Hamer. Und das mit der Sicht auf den Platz hat sich für sie dadurch nun ganz erledigt. Die Verwandten des Initiators stehen mit dem Rücken nach Westen, um Böses abzuwenden.

Schafft der Hamer-Junge es, über die Bullen zu rennen?
Wenn nicht, wird er vertrieben. - Hamer Bullensprung

Inzwischen ist der junge Mann bereit für den Bullensprung. Er steht vor den Tieren und konzentriert sich, bevor er losrennt. Er ist fit und sicher. Er nimmt Anlauf und mit wenig Mühe rennt er über die Ochsen hinweg. Auch beim zweiten und dritten Mal hat er keine Probleme.

Beim vierten Mal strauchelt er kurz, aber er schafft es. Er ist sichtlich erleichtert, während kurz Stille herrscht. Nachdem alle begriffen haben, dass der junge Mann jetzt erwachsen ist, beginnen die Frauen wieder zu tröten und zu singen.

Wenn der Hamer-Junge es schafft, ist er ein Mann und darf heiraten.
Nach dem Fest haben alle Hamer ganz schön durst.

Mit diesem Ritual hat der junge Mann bewiesen, dass er heiratsfähig und erwachsen ist. Auch wenn die Ehefrau in der Regel von der Familie ausgesucht wird, ist dies ein wichtiges Ritual für den Mann. Schafft er es nicht, über die Rücken der Rinder zu rennen, bekommt auch er die Peitschen zu spüren. So zahlen es ihm die Mädchen Hieb für Hieb heim.

Manche Stämme gehen so weit, dass sie den jungen Mann aus der Dorfgemeinschaft ausstoßen und vertreiben. Dabei hängt der Erfolg des Bullensprungs auch von den Haltern der Rinder ab. Stehen die Tiere nicht dicht beieinander, ist es kaum zu vermeiden, dass der Springer zwischen die Tiere rutscht. Damit ist das Ritual auch ein Vertrauensbeweis in die Gemeinschaft.

Video Bullensprung bei den Hamer | Abenteuer Äthiopien

Aufnahmen vom Bullensprung der Hamer, der Reifeprüfung junger Männer. Der Besuch dieser Veranstaltung war für uns der Höhepunkt der Fahrt durch den Süden Äthiopiens. Dabei wurden wir auch Zeuge vom Auspeitschen der Frauen als Zeichen der Hingabe.

So langsam geht die Sonne unter. Wir haben ganz schön viel Zeit bei dem Ritual verbracht und sind glücklich, dabei gewesen zu sein. Jetzt, wo das Spektakel vorüber ist und alle zum Wadi und Auto zurücklaufen, ist das Fotografieren wieder verboten. Die Hamer sind erschöpft und werden nach der Anspannung leicht aggressiv, wenn eine Kamera in ihre Richtung zeigt.

Einzig die inzwischen leeren Wasserflaschen sammeln sie ein, wo immer dies möglich ist. Dann sind sie auch schon auf dem Weg zu den Wasserlöchern im Wadi, wo sie sich gemeinsam waschen. Wir selbst verzichten darauf und freuen uns stattdessen auf unser Zicklein, das jetzt schon lecker zubereitet sein muss.

VG Wort
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