Reisebericht Marokko

Djamaa el-Fna, Platz der Geköpften

Platz der Geköpften vor der Buchhändler-Moschee
einer der wenigen übrig gebliebenen Eselskarren

Längst sind die Zeiten vergangen, in denen auf dem Djamaa el-Fna die abgeschlagenen, auf Lanzen gesteckte Schädel Missetäter von ihren Schandtaten abhalten und Feinden eine Drohung sein sollten. Auch der besudelte und verdreckte Sandboden ist Vergangenheit. Selbst den Namen, der an die scheußlichen Strafen an Verbrecher und ungeliebte Personen erinnert, würden die Marokkaner wohl gerne auslöschen, nennen sie den “Platz der Geköpften” doch inzwischen den Platz der Gaukler.

gefühlt lebensrettende Schweppes
Wasserträger in Marrakesch

Er ist der zentrale Punkt im Leben von Marrakesch, hier trifft man sich, sieht und wird gesehen. Aber wird man auch gehört? Das ist nicht immer gewiss. Denn sobald es Abend wird, ziehen Schlangenbeschwörer und Folklore-Gruppen auf den Platz, die ihre Künste zeigen und mit hektischen Trommeln und Flöten für einen nicht abreißenden Lärmpegel sorgen. Mit wachem Blick verfolgen sie jeden Touristen, damit ja keiner ein Foto macht, ohne dafür einen Obolus zu geben. Fünf Dirham sind dafür angemessen, doch versuchen sie stets, noch mehr herauszuschlagen. So auch der Wasserträger, der extra für uns einen Becher füllt und eine zweite Münze haben will, nur weil Annette die Szene filmt. Bei einem kurzen Nachhaken bleibt es jedoch.

Wasserverkäufer in Marrakesch
Wasserverkäufer in Marrakesch
Wasserverkäufer in Marrakesch

Günstiger sind die Schlangenbeschwörer, die sich - ein gutes Tele sei Dank - in Reichweite eines der Cafés mit Dachterrasse setzen. Es sind sechs, sieben Leute, die wir eine Weile beobachten, wie sie die Schlangen abwechselnd quälen. Wird eine zu lebendig, verschwindet sie kurzerhand unter einem Korbgeflecht. Nein, dafür wollen und werden wir nichts geben. Lieber spazieren wir an den Orangenständen vorbei, bei denen uns jeder schon von weitem breit angrinst und frisch gepressten Saft anbietet. Der Preis dafür, drei Dirham, ist lächerlich. Doch anstelle von Leitungswasser haben sie nur ein paar Eimer Wasser dabei, in denen sie die Gläser bereits den ganzen Tag über gespült haben. Das ist selbst uns zu riskant.

hier wird mit dem Leid der Tiere Geld verdient
Folklore in Marrakesch
die armen Schlangen!
Garküchen
Garküche auf dem Gauklerplatz
Scheune

Der Djamaa el-Fna ist zweifellos der Platz mit dem meisten Flair in Marrakesch und der Besuch am Abend ein Muss für jeden Touristen. Wie lange er seinen Charme noch behalten wird, ist jedoch ungewiss. Denn wo viele Touristen hingehen, um eine vielfach angepriesene Atmosphäre zu erleben, folgen auch stets die ganz typisch touristischen Sachen.
So geht es abends in erster Linie längst nicht mehr darum, den Geschichten der Märchenerzähler zu lauschen (den hat in den meisten Haushalten der TV samt Satellitenschüssel ersetzt), sondern eher um den schnellen Reibach - sei es in einem der offenen Restaurants, bei einer der unzähligen Henna-Frauen oder bei einem kniffligen Spiel, bei dem man mit einer Art Angel versuchen muss, eine Flasche Cola aus dem Kreis der Umherstehenden zu fischen.

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© Lars Freudenthal